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Soziale Ordnung: Ausbildung und Arbeiten im Handwerk: Blauer Bulle und goldener Boden

Den rund eine Million Handwerksbetrieben geht es wirtschaftlich gut. Doch vielen fehlt der Nachwuchs. Gewerkschaften fordern mehr Geld für Azubis und Beschäftigte. Die Große Koalition will das Handwerk attraktiver machen und die Meister-Fortbildung besser fördern.

Otto, ein 19-jähriger Münchener, freut sich. Die ersten Wochen seiner Ausbildung zum Schneider war er zwar vor allem damit beschäftigt, kleinere Näharbeiten zu erledigen, Kleidungsstücke zu waschen und zu färben. Doch er durfte im Atelier auch an eigenen Arbeiten werkeln. Immerhin hat er schon als Schüler selbst Klamotten entworfen. Im Sommer hat Otto Abitur gemacht. An einem bayerischen Gymnasium, nicht gerade leicht also. Trotzdem fand er die ersten Wochen seiner Lehre anstrengender als die Schule.

Auch für andere Teenager bedeutet der Start in die Ausbildung eine Umstellung. Als an einem sonnigen Oktober-Nachmittag die Berliner Konditoren-Innung zum Willkommenstag eingeladen hat, tauschen sich rund fünfzig junge Leute aus – angehende Konditoren und Konditoreifachverkäufer: „Um 5 Uhr anfangen zu arbeiten, das ist nicht immer leicht“, sagt eine junge Frau und gähnt. „Ich habe heute früh schon Torte gegessen“, schwärmt eine andere. In dem Gebäude der Innung riecht es ein wenig wie in einer Konditorei, immerhin befinden sich unter ihrem Dach zwei große Backstuben. Was anderswo auf dem Speiseplan steht, steht hier auf dem Lehrplan: Buttercremetorten, gefüllte Pralinen, Marzipan.

Azubis sind heiß begehrt

Die Heidelbeere auf dem Sahnehäubchen: In der Konditorinnenlehre darf auch schon früh morgens genascht werden (Foto: Alex Loup).Otto aus München und die Konditorei-Azubis aus Berlin gehören zu den mehr als 360.000 jungen Leuten, die eine Lehre im Handwerk machen. Allein 2017 wurden etwa 140.000 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen. In einer Sporthalle im oberfränkischen Kronach haben sie an einem Oktober-Samstag schon das nächste Ausbildungsjahr im Blick. Zwischen den Basketball-Körben an der Wand buhlen mehr als 80 Firmen um die Gunst von Schülern. Auf der „10. Kronacher Ausbildungsmesse“ machen sie den Schülern ihre Berufe schmackhaft: Tischler, Brauer, Glaser und viele andere. „Um die jungen Leute streiten sich hier alle – vom Bäcker bis zum Zimmerer“, sagt Danny Dobmeier. Er ist Geschäftsstellenleiter der Kreishandwerkerschaften in Kronach, Coburg und Lichtenfels. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen nach und nach in Rente, erläutert Dobmeier. Der Fachkräftemangel ist in Oberfranken angekommen – gerade im Handwerk.

Das ist auch das Top-Thema bei Meistern und Betriebsleitern des Handwerks. Ob das Handwerk noch immer goldenen Boden hat? „Einerseits ja. Es geht bei uns in den letzten Jahren konjunkturell nur aufwärts“, sagt Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Um das „andererseits“ sofort hinterher zu schieben: dass es auf allen Ebenen an Nachwuchs mangelt. Auszubildende, Gesellen, Meister und auch Unternehmensnachfolger sind rar. „Das ist eine echte Wachstumsbremse. Um noch mehr Aufträge abarbeiten zu können, fehlt es an Fachkräften“, sagt Schulte. An der Wand seines Büros nahe des Berliner Gendarmenmarkts hängt ein Porträt von Ludwig Erhard, bunt, im Popart-Stil. Doch „Wohlstand für alle“ und „Goldener Boden“ sind keine Selbstläufer, dafür braucht es politische Flankierung. Schultes Bitte an die Politik: „Vergesst die berufliche Bildung nicht!“

Arbeitnehmervertreter drängen dagegen auf gute Arbeitsbedingungen, um Nachwuchs zu gewinnen. Ralf Kutzner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, beklagt, dass nur noch 30 Prozent der Handwerks-Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben arbeiteten. „Nur mit Tarifbindung und Mitbestimmung können die Handwerksbetriebe die bedrohliche Fachkräftelücke schließen“, sagt er. Auch Danny Dobmeier von den Kreishandwerkerschaften in Oberfranken bestätigt: Vor allem diejenigen finden Azubis, die sich gut um ihre Lehrlinge kümmern. Manchen Betrieben falle das aber schwer – auch wegen zu geringer Preise für Handwerker-Leistungen. „Einige Handwerker verlangen von ihren Kunden noch nicht das Geld, das sie eigentlich bräuchten – und das sie verlangen könnten“, sagt Dobmeier. In der Industrie werde daher oft besser gezahlt als im Handwerk.

Mindestausbildungsvergütung

Mit einer Image-Kampagne wirbt der Zentralverband des deutschen Handwerks auch um Nachwuchs. Gewerkschaften drängen auf Tarifverträge und bessere Bezahlung (Foto: dhkt/Picture Alliance/Christian Christes).Das zeigt sich auch an den Ausbildungsvergütungen. Zwar gibt es auch im Handwerk „Gewerke“ mit überdurchschnittlich hohen „Lehrlingslöhnen“: So erhalten Maurer-Azubis laut einer Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) durchschnittlich 1.095 Euro im Monat. Im Schnitt werden im Handwerk jedoch nur 738 Euro gezahlt, in Industrie und Handel dagegen 942 Euro. DGB-Vize Elke Hannack fordert deshalb mehr Geld für Lehrlinge und Beschäftigte im Handwerk. Sie begrüßt die von der Großen Koalition geplante Mindestausbildungsvergütung, auch wenn sie bei der Höhe noch Diskussionsbedarf sieht: „Doch es ist nicht nur das Geld. Meister werden als Geselle „auf die Walz gehen“, vielleicht sogar einen Abstecher ins Ausland unternehmen oder studieren: Joachim Soltmann, Obermeister der Berliner Konditoren-Innung, zeigt den jungen Auszubildenden am Willkommenstag auf, was sie nach bestandener Gesellenprüfung im Handwerk alles machen können. Auch Union und SPD wollen die Karrierewege im Handwerk attraktiver machen. Wer sich zum Meister fortbildet, soll besser gefördert werden.

Meisterbrief wieder einführen

Auch das Thema „Meister-Brief“ steht auf der Tagesordnung der GroKo: 2004 hatte die rot-grüne Koalition die Meisterpflicht für über 53 Gewerke aufgehoben. Damit dürfen sich auch Menschen ohne Meister-Titel und selbst ohne abgeschlossene Lehre selbständig machen. Das gehe oft zu Lasten der Qualität, heißt es beim ZDH. Und löse durch die hohe Anzahl von Soloselbständigen ruinösen Wettbewerb aus. Etwa bei den Fliesenlegern. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt nannte kürzlich eine Zahl für den Handwerkskammer-Bezirk Cottbus: Zwischen 2004 und 2017 sei die Zahl der selbständigen Fliesenleger von 337 auf 651 gestiegen. Die Folge: Auch Handwerksbetriebe mit fest angestellten Beschäftigten können weniger zahlen. ZDH-Geschäftsführer Schulte fordert etwa eine Altersvorsorgepflicht für Selbständige.

Und der ZDH macht sich dafür stark, die Meisterpflicht wieder auf mehr Gewerke auszuweiten. Um Qualität, Verbraucherschutz und vor allem das Qualifikationsniveau im Handwerk für die Zukunft zu sichern. In der CDU läuft der Handwerksverband damit offene Türen ein. „Die Abschaffung der Meisterpflicht war ein Fehler“, sagt etwa Carsten Linnemann, Vize der Unionsfraktion und Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung (MIT). Das habe auch dazu geführt, dass weniger ausgebildet werde. Auch IG-Metall-Vorstand Kutzner beklagt schlechtere Arbeitsbedingungen, schlechtere Arbeitsqualität und eine hohe Zahl an Soloselbständigen in Folge der Deregulierung im Handwerk. Arbeiter würden zu Tagelöhnern degradiert. Er fordert, bei der Neufassung der Handwerksordnung auch die Rolle der Innungen als Tarifpartner zu stärken.

Digitales Handwerk

Skulpturen eines Bullen und eines Bären symbolisieren steigende und sinkende Börsenkurse. Mitte September, anlässlich des Tages des Handwerks, hat sich ein überdimensionaler blauer Bulle zu den beiden Tieren gesellt. Der ZDH hat ihn aufgestellt – und verbreitet zugleich die Botschaft: „Wir investieren in Menschen“. Zu diesen Menschen gehören auch Ausländer. Rund 11.000 Geflüchtete befinden sich in einer Ausbildung im Handwerk – eine große Integrationsleistung, findet auch CDA-Bundesvorsitzender Karl-Josef Laumann. Für die Handwerksbetriebe ist das gesellschaftliches Engagement, aber auch ein Beitrag zur Fachkräftesicherung. Dass die Bundesregierung nun ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz plant, begrüßen sie beim ZDH. Bislang ist es vor allem für Hochschulabsolventen vergleichsweise leicht, als „Arbeitsmigranten“ aus dem Ausland nach Deutschland einzureisen.

Um den Fachkräftebedarf langfristig zu sichern, müssten zunächst alle inländischen Potenziale genutzt werden, sagt Schulte. Darüber hinaus sollten aber künftig auch beruflich Qualifizierte aus Drittstaaten beispielsweise ein halbes Jahr hier auf Jobsuche gehen und bei Erfolg bleiben dürfen. Da gibt es laut Schulte im Detail noch Regelungsbedarf. Vor allem seien pragmatische Lösungen bei der Gleichwertigkeit von Qualifikationen notwendig. Ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz müsse jetzt schnell vorgelegt werden und für Klarheit sorgen. Ausdrücklich fordert Schulte, dass die geltende 3+2-Regelung endlich deutschlandweit einheitlich angewandt wird. Es dürfe nicht aus Ausbildungen heraus abgeschoben werden.

Die Handwerksbetriebe erhalten übrigens Unterstützung von „Willkommenslotsen“ bei der Besetzung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen mit Flüchtlingen. Das Bundeswirtschaftsministerium finanziert die Berater. Wer glaubt im Handwerk würde ausschließlich analog gearbeitet, der irrt. Die modernen Technologien sind längst im Handwerk angekommen. Da ist etwa die Bäckerei in Oberfranken, die Sauerteig digital ansetzt – und bei der durch moderne Technologie frühere Nachtarbeit auf den Tag verlegt werden kann. Der Bäcker-Beruf wird so attraktiver. ZDHGeschäftführer Karl-Sebastian Schulte drängt auch im Interesse des Handwerks auf eine bessere Infrastruktur – analog wie digital. „Die besten Technologien bringen uns nichts, wenn wir im Funkloch stecken.“

Die Konditoren-Auszubildenden arbeiten in der Backstube der Innung zwar nicht digital, aber immerhin mit modernen KitchenAid-Küchenmaschinen. Und für Otto, den angehenden Schneider aus München, sind Schere, Nadel und Faden einstweilen die wichtigsten Werkzeuge. Doch das wird wohl nicht immer so bleiben. Denn er hat schon Pläne für die Zeit nach der Gesellenprüfung. Dann will er studieren und Mode-Designer werden.