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Ibbenbürener Volkszeitung: Entbürokratisierungstour Laumann: „Auch mal auf die Bettkante setzen“

Quelle: Ibbenbürener Volkszeitung

Viel auf Achse war Staatssekretär Karl-Josef Laumann in den vergangenen Wochen. Bundesweit 15 Stationen hatte seine Entbürokratisierungstour, auf der er sich für sein Projekt der Reduzierung der Dokumentation in der Pflege ins Zeug legte. Montag war in Ibbenbüren die Abschlussveranstaltung.

TECKLENBURGER LAND. 15 Städte, 15 Veranstaltungen 15 Mal Werben für die Entbürokratisierung der Pflege – Staatssekretär Karl-Josef Laumann, Patientenbeauftragter und Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, war viel unterwegs in den vergangenen Wochen, um sein Projekt (Entlastung des Pflegepersonals in ambulanten und stationären Einrichtungen von der zeitaufwendigen Dokumentation) zu forcieren. Am Montagmorgen fand in Ibbenbüren die 15. und letzte Veranstaltung seiner „Tour de Entbürokratisierung“ statt. Karl-Josef Laumann stand unserer Zeitung im Anschluss Rede und Antwort.

Herr Staatssekretär Laumann, was nehmen Sie aus Ibbenbüren mit?

Karl-Josef Laumann: Bei den Pflegeeinrichtungen hier in der Region – es waren ja fast 300 Leute da – ist eine gute Stimmung. Ich nehme mit, dass man dieses neue Entbürokratisierungsmodell machen will, damit mehr Zeit für die Pflege hat. Es war eine Veranstaltung mit einer äußerst positiven Resonanz.

Was soll sich für die Pflegenden konkret ändern?

Laumann: Es wird darüber geklagt, dass Pflegekräfte zu viel Zeit für Dokumentationen brauchen, zu wenig Zeit für die Pflege haben. Es wird umfangreich dokumentiert, zu bürokratisch und oft unnötig. Alles wird aufgeschrieben. Ich werbe dafür, dass man nur das Anormale aufschreibt. Wir müssen wissen, ob jemand Fieber hat, nicht, ob er kein Fieber hat. Wir müssen wissen, wenn jemand nicht trinkt, aber nicht, wenn er ganz normal trinkt. Das spart ganz enorm Zeit und macht die Dokumentation auch Sinn. Es hat auch mit Fachlichkeit von Pflegekräften zu tun, dass man ihnen zutraut, Veränderungen zu erkennen und dann zu dokumentieren.

>Und für die Gepflegten bleibt dann mehr Zeit?

Laumann: Den Pflegekräften bleibt dann ein bisschen mehr Zeit, auch um sich mal auf die Bettkante zu setzen und mit den Leuten zu unterhalten. Das wird von beiden Seiten vermisst.

Und all das ist notwendig, weil die Bürokratisierung so ausgeufert ist?

Laumann: Genau, über die Jahre durch eine schlimme Misstrauenskultur. Angst vor Gerichten oder den medizinischen Prüfdiensten haben dazu geführt, dass wir jetzt alles aufschreiben, damit sie bloß nichts vergessen wird und zu jeder Zeit alles belegen können. Das hat eine Spirale der Überdokumentation in Pflegeeinrichtungen nach sich gezogen.

Halten Sie diese Misstrauenskultur, wie Sie es nennen, für gerechtfertigt?

Laumann: Nein, das ist nicht gerechtfertigt. Ich glaube, dass in den Pflegeeinrichtungen in der Regel ein fachlich versiertes Personal mit hohen ethischen Grundsätzen eine gute Arbeit macht. Das heißt nicht, dass keine Fehler passieren, das heißt auch nicht, dass es keine schwarzen Schafe gibt, aber über Bürokratie hat man noch nie ein schwarzes Schaf erwischt. Wenn man Dokumentationen von 48 Seiten hat, wer liest das denn?

Polemisch gefragt, was ist wichtiger – Entbürokratisierung oder besser mehr Geld für Pflegekräfte und mehr Personal?

Laumann: Man muss das mit dem Lohn sehr differenziert sehen. In Nordrhein-Westfalen haben wir faire Löhne in der Pflege. Alles in allem werden von den meisten Einrichtungen die Tarifverträge eingehalten. Wenn Sie ein paar Kilometer weiter fahren, sieht das schon anders aus. Eine niedersächsische Pflegekraft verdient 500 Euro weniger als eine in Ibbenbüren. Und das ist mit nichts zu rechtfertigen. Diese Frage ist also auch wichtig.

Ein weiterer Ansatzpunkt für Ihre Arbeit…

Laumann: Ich habe ja eine sehr umfangreiche Dokumentation über die Löhne in der Pflege gemacht. Aber nicht die Bundesregierung verhandelt, sondern Löhne und Tarife werden zwischen Gewerkschaften und Pflegeeinrichtungen verhandelt. Ich habe ein Gesetz, das auch verabschiedet wurde, angeregt, in dem steht, dass wenn eine Pflegeeinrichtung Tariflöhne zahlt, dann müssen die Kostenträger diese auch refinanzieren. Das gibt es in keinem Sozialgesetzbuch. Es darf sich in der Pflege keiner mehr verstecken, der keine Tarife zahlt. Und es darf nicht sein, dass der Preiskampf unter den Pflegeeinrichtungen auf Knochen der Angestellten geführt wird.

Wie geht es jetzt weiter mit ihrem Projekt?

Laumann: Wir haben jetzt ein klares Konzept erarbeitet. Das muss jetzt von den Einrichtungen vor Ort angenommen und umgesetzt werden. Die Veranstaltung in Ibbenbüren, wie die anderen 14 auch, ist dazu da, dass wir die Pflegedienstleitungen in den Einrichtungen motivieren wollen, diese Veränderung auch unternehmerisch zu entscheiden und es am Ende auch zu machen. Ich bin zuversichtlich, dass alle den Vorteil der reduzierten Dokumentation erkennen und bei sich einführen – weil einfach alle profitieren