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Münsterländische Volkszeitung:

Quelle: Münsterländische Volkzeitung

Rheine – „Die natürlichen Grenzen, was man tun darf und was nicht, die gelten nicht mehr überall“, beklagte Karl-Josef Laumann. Und dann stellte der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium das Lohndumping in den Schlachtereien an den Pranger. „Alle wissen es und alle schauen weg“, schimpfte Laumann – und zog auch die Verbraucher in seine Schelte ein: „An einigen Stellen im Land ist ein Kilo Schweinefleisch günstiger als ein Kilo Klopapier. Und dabei geht es auch um Wertigkeit“, sagte der CDU-Politiker unter dem Applaus des Publikums.

Damit war klar: Bei Werten geht’s auch um die Wurst. Oder um den „Sonntagsbraten“, der in vielen Haushalten immer häufiger auch in der Woche auf den Tisch kommt.

Denn es ging im weitesten Sinn um Werte am Dienstagabend im Audimax der Mathias-Hochschule. „Werte – brauchen wir die?“ lautete die eher rhetorische Frage, die der Koordinierungsausschuss der katholischen Träger in den Mittelpunkt seiner Veranstaltung gestellt hatte. Das Thema interessiert viele Menschen, das machte die Anwesenheit von etwa 80 Besuchern deutlich. Mithilfe bekannter Persönlichkeiten leuchtete der Caritasverband Rheine als Organisator das Thema drei Stunden lang aus.

„Wie gehen wir mit Menschen um, die am Arbeitsmarkt nicht unterkommen“, war dann auch eine der Fragen, bei denen es um tiefer-greifende Werte ging. „Wir müssen hier einfach neue Wege finden, wenn die x-te Qualifikation auch nicht mehr hilft“, sagte Peter Lüttmann, Sozialdezernent des Kreises Steinfurt. Er forderte einen Sektor öffentlich geförderter Beschäftigung: „Es ist besser, wenn wir Arbeit finanzieren, als wenn wir die Miete aufs Konto überweisen“. Unterstützung erhielt er dabei von Staatssekretär Laumann: „Wir brauchen zwischen dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt eine Institution, die sich darum kümmert. Das geht, man muss nur den Mut haben“, sagte der CDU-Politiker unter Hinweis auf die Integrationsbetriebe, die er in seiner Zeit als NRW-Arbeitsminister gegründete hatte.

In welchen Widerspruch Werte geraten können, und in welcher Zwickmühle gerade auch kirchliche Arbeitgeber manchmal sitzen, das machte Dechant Meinolf Winzeler an einem Beispiel deutlich. Da gebe es unter anderem das verbriefte Recht auf Elternzeit, Stundenreduzierungen etc. bei den Beschäftigten und das Elternwahlrecht auf unterschiedliche Betreuungszeiten. Dies bedinge aber, dass in dieser Zeit andere Kräfte zeitlich befristet eingestellt werden müssten. „Das ist unsittlich, was das Land da mit unseren Erzieherinnen macht“, schimpfte Winzeler.

Der Dechant räumte auch ein, dass die Kirche derzeit ein Glaubwürdigkeitspro blem habe. Das sei gleichsam ätzend und heilsam. „Dankbar bin ich für die goldene Badewanne von Limburg, weil sie uns zwingt, im Zusammenhang mit Finanzen und Vermögen Transparenz walten zu lassen“, sagte Winzeler. Ätzend sei es jedoch für die Geistlichen, immer in einen Sack gesteckt und pauschal verurteilt zu werden. Die Volkskirche gebe es nicht mehr, das sei Vergangenheit: „Wir werden eine Minderheit und müssen ganz anders auftreten“, so Winzeler. Er forderte jedoch ein, ernst genommen zu werden und nicht mit anderen in einen Sack gesteckt zu werden.

Auf die Verantwortung von Unternehmen ging Paul Willers ein. Es gebe viele gute Beispiele im Bereich der Arbeitsplätze für Menschen, die am ersten Arbeitsmarkt keinen Fuß fassen. „In früheren Jahren waren es oft einfache Tätigkeiten, die von Menschen mit Handicaps übernommen wurden. Dieses hat sich an einigen Stellen gewandelt“, sagte Willers. Viele Firmen bedienten sich der Ausgleichsabgabe, „dabei wäre gerade in diesem Bereich ein Pakt der Wirtschaft für die Arbeitsplätze ein gutes und wichtiges Signal“, sagte Willers.

Dass die soziale Infrastruktur an die Grenzen der Belastbarkeit stößt, darauf wies Kreissozialdezernent Peter Lüttmann hin. Inzwischen umfasse der Sozialetat zwei Drittel des Haushaltes des Kreises Steinfurt, der rund 540 Millionen Euro umfasst. Als „Verantwortungsgemeinschaft, die den Auftrag hat, ein möglichst hohes Maß an sozialer Gerechtigkeit und ein vernünftiges Maß an sozialer Sicherheit herzustellen“ bezeichnete er Politik, Träger und Verwaltung. Lüttmann warb abschließend für „einen nachhaltig finanzierten Sozialstaat“, der auch die Generationengerechtigkeit berücksichtige.

In dem Punkt unterstützte Karl-Josef Laumann den Dezernenten: „Der Sozialstaat wird nicht mehr finanzierbar sein, wenn wir nicht fragen, wo die Grenzen des Sozialstaates sind“. Laumann wünscht sich dabei wertegebundene Träger: „Wenn dieses System seine große Akzeptanz bei den Menschen behalten soll, dann brauchen wir Träger, die aus einer wertgebundenen Haltung heraus agieren.“ Er warnte davor, den Sozialbereich nach Gedanken des Marktes zu regeln. „Hier gelten andere Spielregeln als für Kartoffeln oder Autos. Ein schwerkranker Mensch ist kein Marktteilnehmer“, sagte Laumann.

Dass die Mathias-Stiftung auch beim Handeln ihrer Mitarbeiter christliche Werte in den Vordergrund stellt, unterstrich Dietmar Imhorst, Vorstand der Mathias-Stiftung: „Ein großes Teil der 3800 Menschen in unseren Einrichtungen, die jeden Tag aufstehen, um anderen zu helfen, tut dies aus einer christlichen Grundhaltung heraus.“

Die katholischen Träger leisteten eine qualitativ gute und wertvolle Arbeit in den verschiedensten sozialen Feldern. „Die aktuellen Spar- und Finanzdiskussionen dürfen allerdings nicht dazu führen, dass wir uns von wichtigen Werten in der Gesellschaft verabschieden“, sagte Caritas-Vorstand Dieter Fühner als Gastgeber. Es gehe nicht darum, kirchliche Angebote von finanziellen Entwicklungen auszuklammern. Fühner forderte jedoch ein Gleichgewicht zwischen finanziellen und normativen Werten.