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Premiere in Lotte: Laumann ruft zur Umkehr auf

Quelle: www.noz.de

Lotte. Die Tagesordnung des ersten Kreisparteitags der CDU Steinfurt am Mittwochabend in Lotte wirkte wie der Zentralfriedhof von Chicago, nur doppelt so tot. Was Vorsitzende Christiane Schulze Föcking, Stellvertreter Markus Pieper, vor allem aber Vorgänger Karl-Josef Laumann daraus machten, war quicklebendig.


Foto: Thomas Niemeyer
Zum Abschluss des Parteitages zeichnete Markus Pieper (von rechts) Franz-Josef Oberfeld, Franz-Josef Achterkamp und Ulrich Oletti für ihre Verdienste um die Euregi

„Lotte ist immer eine Reise wert“, spielte Schulze Föcking auf die für viele der 150 Delegierten und Gäste extrem lange Anreise in den nordöstlichsten Winkel des Kreises an. Nachdem sie die Zuhörer mit der Personalie Dieter Jasper und Haushaltsneuigkeiten aus Düsseldorf (siehe Berichte unten) aufgerüttelt hatte, warb sie für einen Neustart nach der verheerenden Schlappe bei der Landtagswahl.

Lottes CDU-Chefin Ute Saeger nutzte ihr Grußwort zu einer Liebeserklärung an ihre Gemeinde, die mehr zu bieten habe als Lotter Kreuz und Staus. Besonders erfreue sie, dass der Saal der Ratsstuben Wersen, der beim alljährlichen Herrenabend mehr als 300 Männer aufnehme, endlich einmal mit lauter CDU-Mitgliedern gefüllt sei.

Einziger inhaltlicher Tagesordnungspunkt des Abends war eine Satzungsänderung. Durch deutlich höhere Delegiertenzahlen zur Kandidatenaufstellung für Wahlen sollte der Einfluss der Parteibasis gestärkt werden. Nach kurzer Debatte folgte eine große Mehrheit der Initiative des Vorstands.

Und dann kam der starke Auftritt des starken Mannes der Steinfurter Union. Schonungslos analysierte Karl-Josef Laumann, dass es keine starke CDU in NRW mehr gebe. Von 100 Menschen auf einem Marktplatz im Lande hätten am 13. Mai nur noch 15 die CDU gewählt. Dass es der SPD im Bund ähnlich ergehe, sei kein Trost. Beide Volksparteien hätten enorm an Bindungskraft verloren.

Bevor sich der 55-Jährige den Ursachen und Gegenrezepten zuwandte, gab er ein Urteil ab, über das er lange nachgedacht habe: „Dass sich die Wähler so verhalten, ist ungerecht gegenüber der Politik. Die Politikperiode seit 1949 ist die erfolgreichste überhaupt für unser Vaterland.“ Und daran hätten die Parteien großen Anteil.

Selbstkritisch merkt Laumann an, dass die CDU ihrem Verfassungsauftrag, an der Willensbildung des Volkes mitzuwirken, nicht mehr genügend nachkomme. „So haben wir den Atomausstieg nicht ausreichend diskutiert und begründet.“

Und dann ging der Anhänger der katholischen Soziallehre an die Grundfesten seiner Partei: „Wo sind die Alleinstellungsmerkmale, die wir mit Stolz tragen?“ Aus dem Christentum habe Konrad Adenauer 1946 die individuelle Menschenwürde abgeleitet. Für ihn seien Staat und Wirtschaft nie Selbstzweck gewesen, sondern hätten ihre Rechtfertigung allein durch ihre dem Menschen dienende Funktion erhalten.

Jubel brandete auf, als der Oppositionsführer in Düsseldorf ausrief, dass manche Bank mit ihren Produkten diese dienende Funktion nicht mehr ausübe. Die CDU habe zugelassen, dass der Markt zum Selbstzweck geworden sei. Auch die Tarifautonomie, die allein faire Löhne garantiere, stehe infrage. Zeitverträge raubten vielen jungen Leuten die Perspektive. Generell sei eine materialistische Sicht der Dinge weit in die CDU eingedrungen.

Laumann rief seine Partei zur Umkehr auf – zurück zum traditionellen christlichen Familienbild, ohne andere Lebensentwürfe oder sexuelle Orientierung zu diskreditieren, zurück zur Generationengerechtigkeit, zurück zu wirtschaftlicher Solidität. Und dazu ein echter Laumann: „Den Leuten reicht es als Unterschied nicht, dass die CDU mit schlechtem Gewissen Schulden macht, während Frau Kraft auch noch stolz darauf ist.“

Die Probleme der Zukunft seien nur mit starken sozialen Beziehungen, mit lebendigem Ehrenamt, mit starken Städten und Gemeinden und einer starken kommunalen Selbstverwaltung zu bewältigen. All das komme nicht von selbst. Und gleich der aktuelle Bezug dazu: „Wir müssen über die Rekommunalisierung beispielsweise der Energienetze intensiv diskutieren.“ Die Politik müsse das Heft des Handelns zurückgewinnen.

Nach Laumanns erschütternder Ruckrede war es für Markus Pieper eine heikle Aufgabe, seine Botschaft aus Europa unters Parteivolk zu bringen. Doch mit der Ankündigung, sich kurz zu fassen, und im Bewusstsein, ein Heimspiel zu haben, gelang es dem Halener. Die Botschaft: „Wir müssen verlorenes Vertrauen in Europa zurückgewinnen. Erst wenn die Regeln verlässlich, die Reformen unumkehrbar sind, können wir über mehr europäische Integration reden. Eine Schulden- und Transferunion darf es nicht geben.“

Für ihre Verdienste vor allem um das deutsch-niederländische Verhältnis ehrte Pieper drei langjährige Fahrensleute der CDU mit der Europamedaille der Europäischen Volkspartei: Franz-Josef Achterkamp aus Rheine, seit 1983 im Euregiorat, Franz-Josef Oberfeld, lange aktiv in Euregiorat und Europa-Union, und Ulrich Oletti, langjähriger Geschäftsführer der Europa-Union.