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„Der Teller kommt vor dem Tank“

Quelle: www.wn-online.de, Hilmar Riemenschneider

Der Fraktionsvorsitzende der NRW-CDU, Karl-Josef Laumann.

Der Fraktionsvorsitzende der NRW-CDU, Karl-Josef Laumann.
(Foto: dpa)



Düsseldorf – Die Energiewende lenkt den Blick auf nachwachsende Rohstoffe. In der Landwirtschaft kann das einen Verdrängungswettbewerb auslösen, warnt CDU-Fraktionschef Karl-Josef Laumann im Gespräch mit unserem Korrespondenten Hilmar Riemenschneider. Seine Maxime: erst Teller, dann Tank.

Herr Laumann, wir erleben gerade wieder eine Verteuerung der Nahrungsmittel, auch weil Bioenergie boomt. Muss eine moderne Landwirtschaft Lebensmittel und Energie-Rohstoffe liefern können?

Karl-Josef Laumann: Es kommt auf die Reihenfolge an. Die wichtigste Aufgabe von Landwirtschaft weltweit ist die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln. Und wenn es dann noch Ressourcen gibt, ist gegen Energiegewinnung überhaupt nichts einzuwenden. Aber es muss klar sein, dass der Teller vor dem Tank kommt, Essen wichtiger als Energieversorgung ist. Die Weltbevölkerung wächst stetig – und zwar in Ländern, die eine wesentlich schlechtere Vegetation haben als wir. Deswegen hat die deutsche, hat die nordrhein-westfälische Landwirtschaft eine moralische Verantwortung, Lebensmittel auch über den eigenen Bedarf hinaus zu produzieren. Ich teile absolut nicht die Meinung von Minister Remmel, für den regionale Wirtschaftskreisläufe und regionale Selbstversorgung das Wichtigste sind. Die CDU-Fraktionen sucht jetzt Antworten auf Zukunftsfragen der Landwirtschaft. Reichen die alten Positionen nicht mehr weit genug?

Laumann: Wir müssen unsere Erwartungen an die Landwirtschaft neu definieren. Es gibt neue Tendenzen: Wenn Ställe unabhängig von Fläche gebaut würden, wenn Tierproduktion immer mehr in Händen von Nicht-Landwirten liegt, dann machen wir uns schon Sorgen. Es gibt auch bei uns im Münsterland in den Kommunen eine Debatte darüber, wie groß Mastställe sein sollen, wie konzentriert sie in den Gemeinde vorkommen sollen. Die CDU, die ja immer auch eine Partei der ländlichen Räume und der Landwirtschaft ist, muss darum im Blick behalten, dass bei solchen Neubaugenehmigungen die landwirtschaftlichen Strukturen des Münsterlandes beibehalten werden. Für mich bedeutet das, dass ich mir eine Landwirtschaft unabhängig von Stammhöfen und einem geregelten Verhältnis zwischen Tierzahl und Fläche nicht vorstellen kann – und auch nicht will. Ich möchte, dass die Nahrungsmittelproduktion in Händen von Familien bleibt, die auch in der Vergangenheit Landwirtschaft betrieben haben.Verbraucher sehen inzwischen sehr genau hin, besonders bei Fragen der Tierhaltung. Passen deren Erwartungen zu einer modernen Landwirtschaft?

Laumann: Ich glaube nicht, dass die Landwirtschaft sich völlig von den Erwartungen der Verbraucher abkoppeln kann. Umgekehrt kann der Bilderbuch-Bauernhof, wie er ab und zu gerne dargestellt wird, nicht das Maß einer modernen Landwirtschaft sein. Die wäre erstens nicht in der Lage, die Weltbevölkerung mit Nahrung zu versorgen. Zweitens würden die Bauern keinen Nachwuchs mehr finden. Wir können nicht der jungen Generation zumuten, zu Bedingungen ihrer Großeltern zu arbeiten. Landwirtschaft muss ein Mehrklang sein aus Nahrungsmittelproduktion, Natur- und Umweltschutz, Tierwohl und Verantwortung für die Entwicklung der ländlichen Räume.

Glauben Sie, dass die Bauern Ihre Überlegungen teilen?

Laumann: Ich nehme zur Kenntnis, dass auch im westfälischen Bauernverband eine Diskussion darüber begonnen hat. Auch dort geht es um die Frage, wie die Produktion von Nahrungsmitteln, wie die Tierhaltung in den Händen der bäuerlichen Landwirtschaft bleibt.

Der E10-Kraftstoff wird von den Autofahrern abgelehnt, wenn auch nicht aus ethischen Gründen. Gibt es für Sie über die Reihenfolge Teller vor Tank hinaus auch eine klare Grenze?

Laumann: Ein Beispiel: Wir haben im Münsterland Regionen, wo die Pachtpreise über 1000 Euro pro Hektar liegen. Das ist durch eine Landknappheit entstanden, die nicht zuletzt auf Biogasanlagen zurückzuführen ist. Die Landwirtschaft, die Lebensmittel produziert, ist nicht in der Lage, diese Pachten zu zahlen. Deshalb brauchen wir andere Fördersätze im Energieeinspeisungsgesetz. Eine Biogasanlage ist nichts Unmoralisches. Aber es muss völlig klar sein, dass die Nahrungsmittelproduktion im Wettbewerb um die Ressourcen mithalten können muss. Das Münsterland ist dafür einer der Schwerpunkte in Deutschland. Ich glaube nicht, dass wir da auch noch Schwerpunkt für Energiegewinnung sein können.
Der CDU-Landesvorsitzende Norbert Röttgen zieht als Bundesumweltminister – Stichwort E10 – diese Grenze nicht so klar.

Geht da ein Riss durch die Partei?

Laumann: Es ist doch ganz klar, dass der Bundesumweltminister den Schwerpunkt auf erneuerbare Energien setzen muss. Aber es ist zwischen mir und Norbert Röttgen völlig klar, dass die Nahrungsmittelproduktion für die deutsche Landwirtschaft vor geht.

In Entwicklungsländern entscheidet der Preis dann doch zugunsten der Energiegewinnung.

Laumann: Das kann auch nicht das Ziel der Politik sein. Wir haben ein erhebliches Wachstum der Weltbevölkerung zu erwarten, sechs Milliarden sind wir jetzt, 2050 rechnen wir mit neun Milliarden. Das macht deutlich, welche Herausforderung die Landwirtschaft weltweit zu bestehen hat.Wie wird die Diskussion jetzt weitergehen?

Laumann: Wir werden uns als NRW-CDU ein Bild der Landwirtschaft erarbeiten. Mir ist das wichtig, weil nicht die Vorstellungen eines Herrn Remmel prägend werden dürfen. Herr Remmel ist kein fairer Landwirtschaftsminister, weil er die biologische Landwirtschaft als sehr positiv und die konventionelle als negativ darstellt. Man darf nicht beide gegeneinander ausspielen. Ich wünsche mir einen Mix. Wir haben ja das große Glück, dass wir ein relativ gutes Klima haben, dass wir genügend Wasser und fruchtbare Böden haben. Wir haben hohe Standards des Tierschutzes und des Umweltschutzes. Wenn man unter unseren Bedingungen Landwirtschaft betreibt, darf man sich nicht zurückziehen auf eine extensive Landwirtschaft und meinen: Hauptsache, wir kommen zurecht. Man darf die Augen vor den Problemen in anderen Teilen dieser Erde nicht verschließen.