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Viele starke Reden – teils aus dem Bauch heraus

Quelle: www.noz.de

Lotte. Es war nach 2 Uhr am Morgen, als sich der harte Kern des Bürgervereins um seinen Vorsitzenden Wilfried Freier im Saal der Ratsstuben Wersen noch einmal sammelte und launig Bilanz zog. Wie bei den Gästen des 36. Herrenabends fiel sie rundum positiv aus. Als Höhepunkt wurde Bauchredner Jörg Jàra identifiziert, obwohl auch die Politprominenz erneut glänzte.

Politisch gut beraten, hatte Freier zu Beginn ein kurzes Gedenken an die bedrohten Menschen in Japan verordnet. Vielleicht war es ja diese Besinnung, die anschließend zu der ungewöhnlich ruhigen Atmosphäre im Saal führte. Zum Zuhören zwangen aber auch die Redner mit ihren pointierten Beiträgen. Schon Ex-König Christian Wulff, der aus Berlin grüßen ließ, wo er „auch mit wichtigen Aufgaben betraut“ sei.

Bei seiner offiziellen Eröffnung verkündete Lottes Bürgermeister Rainer Lammers, dass Landrat Thomas Kubendorff mit der Bahn angereist sei. Das sei ja noch etwas umständlich. Aber Wersen werde einen ICE-Hauptbahnhof mit Anschluss nach Berlin, Hannover und Düsseldorf erhalten. Am Herrenabend gebe es dann Sonderzüge mit Frühstücksbuffet.

Lammers’ Osnabrücker Amtsbruder Boris Pistorius brillierte als SPD-Ikone Willy Brandt, der mit Franz Josef Strauß gerade auch über den Fall Guttenberg(s) geredet hatte: „Ich bin hier im Politikerhimmel, und der Strauß war zu Besuch.“ Hölle!

Umjubelt war nach Haxe, Kraut und Püree die Abschiedsrede von Krautkönig Karl-Josef Laumann. Nach witzigen Spitzen gegen die NRW-Regierung und die in Sachen Hotelsteuer offenbar spätrömisch dekadente FDP entwickelte er ein herrliches Hirngespinst:Der Lebenslauf sollte umgekehrt werden, damit künftig auch kleine Kinder schon das Kraut zu würdigen wüssten: Als Toter aus dem Grab dem Licht entgegen gehe es dem Menschen im Altenheim von Tag zu Tag besser. Er beginne seinen Beruf gut bezahlt mit wenig Arbeit, wechsele Jahrzehnte später reich an die Uni, um das Studentenleben richtig auszukosten. Aus der Schule fliege er mit sechs, und der Rest des Weges ende mit einem echten Höhepunkt.

Seinen genialen Ruf in Wersen bestätigte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler. Von seinem Busenfreund David McAllister wusste er zu berichten, dass der dankbar sei, dass keine Frauen im Saal seien. So müsse er keinen Eröffnungstanz bringen. Rösler: „Ich habe leicht reden. Ich bin von der FDP. Da kann man auch mit Männern was anfangen.“

Das mit dem frauenfreien Saal änderte sich anschließend schrill. Im Showteil hatte Bauchredner Jörg Jàra „Olga“ im Gepäck. Zunächst aber ließ er den 80-jährigen Erwin Jensen ausführlich zu Wort kommen, der als Running Gag ständig Nüsse anbot. Wie sich am Ende herausstellte, waren das jene, die der Zahnlose beim Lutschen von Ferrero Küsschen übrig behalten hatte.

Für die sämtliche Lachmuskeln überstrapazierenden Dialoge zwischen Jàra und Jensen hier nur ein Beispiel, zu dem der Flensburger offenbar von Boris Pistorius inspiriert worden war. Jàra: „Wenn der Willy Brandt wüsste, dass Niedersachsen heute von CDU und FDP regiert wird, würde er sich im Grab umdrehen.“ Jensen: „Und wenn er wüsste, dass der Wulff Bundespräsident ist, läge er wieder richtig.“ Dann kam Olga, ohne Nüsse.

Gut, dass nach diesem Auftritt noch ganz großes Kaliber folgte. Die Laudatio auf den neuen Krautkönig, Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann, hielt dessen Chef. Und David McAllister hielt ihn angesichts der Karrieren anderer Könige klein: „Uwe, bilde Dir nichts ein! Du bist heute Innenminister und morgen auch noch.“ Zu Schünemanns Image: „Lieber ein harter Hund für Law und Order als ein Weichei für Unrecht und Unordnung.“ Wie das Krautvolk erfuhr, bildeten „Schüni und Macky“ früher tatsächlich eine WG. „Ich erspare Ihnen Details. Wir wollen schließlich im Amt bleiben.“

Der frisch gekettete König setzte sich mit seinem Image auseinander und mit dem Verbot, hier „Meine Damen und Herren“ zu sagen. Nach sieben Verstößen zeigte die Strafandrohung einer Saalrunde beim Polizeiminister Wirkung. Zu seinem Image schloss er mit Konrad Adenauer: „Die einen kenn’ mich, die anderen könn’ mich.“

Pistorius’ Eindruck, hier tage Niedersachsens Kabinett, bestätigte die Premiere von Wirtschaftsminister Jörg Bode. Er nutzte sie gleich zu einer Bewerbung fürs Krautamt: „Ich bin letztes Jahr sowohl Ministerpräsident geworden als auch Ministerpräsident a.D. und habe dafür nur zwölf Stunden gebraucht.“ Dank des Wechsels von Wulff auf McAllister.

Würdig des letzten Wortes anstelle von Constantin Freiherr von Heereman erwies sich Ernst Schwanhold. Er zitierte den Baron: „Wenn eine Sau ergraut ist, ist sie ein altes Schwein; wenn einer Sauerkraut isst, muss er’s lange noch nicht sein.“ Und wie der Krautkönig 1980 versäumte Schwanhold auch Lob und Dank an Wilfried Freier nicht, bestärkt vom Beifall der 355 Männer.