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Ein Bein zu viel zum Parken. . .

 

Quelle: Münsterländische Volkszeitung

Minister Karl Josef Laumann im Gespräch mit den Amputierten. Foto:

Minister Karl Josef Laumann im Gespräch mit den Amputierten. Foto:
(Achim Giersberg)



Rheine/Kreis Steinfurt – „Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit“ schimpft Hans-Dieter Vinerius und klopft sich mit dem Gehstock gegen die Bein-Prothese. Doch er meint nicht sein Schicksal – sondern eher, was die Behörden daraus machen. Seit knapp einem Jahr ist er nach einem Arterienverschluss oberschenkelamputiert – und sieht seitdem manches anders. Zum Beispiel das Thema Behindertenparkplätze.

„Früher hätte ich gesagt: Natürlich darf ein Beimamputierter auf einem Behindertenparkplatz parken“, holt er aus, aber: „Ich habe gelernt: Das ist nicht so.“ Jetzt habe er sich vorgenommen, „alles zu tun um das zu ändern.“ Und er hat Mitstreiter: Die Selbsthilfegruppe für Amputierte in Rheine, zu der auch Klaus Rübenack gehört, Präsidiumsmitglied im Bundesverband für Amputierte.

Und was liegt vier Wochen vor einer Landtagswahl näher, als die Gunst der Stunde zu nutzen und wahlkämpfende Politiker von solch einem Anliegen zu überzeugen? NRW-Arbeits- , Sozial- und Gesundheitsminister Karl Josef Laumann jedenfalls hat gleich zugesagt. Uns so sitzt er an diesem Dienstagabend in der Kantine von „Dirksen Stahlbau“ im Rheiner Gewerbegebiet und diskutiert mit den Amputierten.

„Wenn ich auf einem normalen Parkplatz parke, kriege ich die Tür nicht auf“, schildet Vinerius das Problem. Gezielt suche er Plätze „neben dem Rosenbeet“ aus – nur so habe er genügend Bewegungsfreiraum, um aus dem Auto zu kommen. Auch wenn die Behindertenplätze meist leer seien, dürfe er dort nicht parken.

Das weiß auch der Minister. Behindertenparkplätze seien Schwerbehinderten mit einem „aG“ im Ausweis vorbehalten. Für eine außergewöhnliche Gehbehinderung reicht der Verlust eines Beines allerdings nicht aus – es müssten schon beide Beine sein. „Praktisch nur Rollstuhlfahrer“ dürften dort parken, weiß Laumann – und findet das auch richtig so.

Der Bundesgesetzgeber wolle Behindertenparkplätze, die nun mal nicht beliebig vermehrbar seien, für die Schwächsten reservieren. Mit nur einem fehlenden Bein seien viele Menschen dagegen noch leistungsfähig, könnten sogar Ski fahren. Auf gar keinen Fall dürfe man die Parkberechtigung an die Frage der Schwerbehinderung binden – einen Schwerbehindertenausweis hätten immerhin fünf Prozent der Bevölkerung in NRW. „Alle wollen dort parken, Parkinsokranke, Demente“ weiß Laumann und will dieses Fass nicht öffnen.

Nun gäbe es vielleicht einen Ausweg: Einen „roten Schein“ erhalten Gehbehinderte mit einer Beeinträchtigung von mindestens 80 Prozent. Damit dürfen sie maximal drei Stunden im eingeschränkten Halteverbot parken. Doch neben dem Kennzeichen G sei hierfür auch der Buchstabe „B“ im Behindertenausweis nötig, klagen die Amputierten. B stehe für Begleitperson und bedeute, dass der behinderte ohne Begleitperson nicht klarkomme – was für die miesten Amputierten eben nicht zutreffe. Während die Stadt Rheine auch ohne das „B“ eine Ausnahmegenehmigung erteile, würden das andere Städte nicht tun, klagt Rübenack – eine Behauptung, die Laumann so nicht glauben will. Wäre es so, würde sich Rheine eben rechtswidrig verhalten.

Das Thema ist kompliziert, die Diskussion wird hitziger. man merkt: Für diese Menschen bedeutet das Auto mehr noch als für Normalbürger Freiheit und Mobilität. Doch was nutzt das, wenn es keinen Platz zum Aussteigen gibt?

Je länger die Diskussion dauert, desto nachdenklicher wird der Minister. Ja, man könne die Frage stellen, ob eine alternde Gesellschaft nicht besser auf solche Probleme reagieren müsse. Im Prinzip könne man ja vielleicht eine neuen Kategorie von Behindertenparkplätzen einführen, ein „Zwischending“ zwischen normalem und Behindertem-Parkplatz, der eigentlich nur einen Meter breiter sein müsse als üblich.

Am Ende nach gut einer Stunde hat Laumann nichts versprochen und kein Patentrezept. Aber er hat einige Fallbeispiele unterm Arm, die zu prüfen er verspricht. Und, so scheint es, auch ein neues Problembewusstsein. Für einen Wahlkampftermin eigentlich keine schlechte Bilanz.